Ihr hasst mich. Ich liebe sie.

  • 26. Oktober 2020
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Eine Frau mit Kopftuch schaut zu einer Wand, die in den LGBTQ+ Farben angemalt ist.
Zeinab ist lesbisch. Wie geht's weiter? (Foto: iStock)

Name durch Redaktion geändert.

Zeinab kommt aus einer streng muslimischen Familie im Libanon. Sie trägt ein Kopftuch, das sie nicht mehr will, und sie ist lesbisch. Ihre Familie weiss davon aber noch nichts.

Der 21-Jährigen ist die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Immer wieder zuckt sie während des Skype Anrufs zusammen. Ihre nervösen Blicken verraten: Diese junge Frau hat viel zu erzählen. 

Vor zwölf Jahren ist Zeinab aus dem Libanon in die Schweiz eingewandert. «Ein Glücksfall», findet sie. Hier dürfe man die eigene Sexualität ausleben, und seine Meinung frei verkünden. Im Libanon werde man dafür bestraft. Nicht nur von der Regierung, sondern auch von engsten Familienmitgliedern.

«Ich weiss seit einiger Zeit, dass ich Frauen attraktiv finde. Bewusst geworden ist es mir damals in Istanbul, als ich im Austausch war. Ich habe mich in eine Frau verguckt und merkte schnell, dass es mehr ist als nur Freundschaft. Total paradox, ausgerechnet im muslimischen Istanbul.» Das sei ihr Schicksal und damit müsse sie sich nun auseinandersetzen.

Die Stadt von Istanbul in der Abendsonne mit vielen fliegenden Vögeln.
Zeinab verliebte sich in Istanbul. (Foto: Unsplash)

Die St. Gallerin hat einen jüngeren Bruder und eine ältere Schwester. Letztere ist verheiratet und hat Kinder, der Bruder ist in der Ausbildung zum Carrosserie Lackierer. Zeinab absolviert eine Lehre als Kauffrau. «Ich möchte mein Geld sparen um dann Ende des Jahres auszuziehen.» Auch das wird nicht einfach. Eigentlich darf sie erst dann ausziehen, wenn sie verheiratet ist. Mit einem Mann, versteht sich. Da sie aber nicht länger unter dem enormen Druck der Familie leben kann, will sie weg. «Es gibt viele WGs, die ich mir mit meinem Lehrlingslohn leisten kann.» Auf die Frage, wie sie das ihren Eltern erklären werde, meint Zeinab: «Keine Ahnung. Das weiss ich nicht.» Sie wirkt aber überzeugt von ihrem Vorhaben, das viele Risiken mit sich bringt. 

Ausstossung, Gewalt und Demut

Ausstossung, Gewalt und Demut – Zeinab könnte vieles verlieren. «Es kann sein, dass ich ausgestossen werde. Ich rechne jedenfalls mit dem Schlimmsten.» Dabei gehe es nicht nur um ihre sexuelle Ausrichtung. Da gehört natürlich auch noch der Wunsch auszuziehen dazu und das Ablegen ihres Kopftuchs. Psychisch muss sie viel aushalten. Diese Ungewissheit, dieser ständige Druck, diese Erwartungen, dieses Doppelleben: Das führt bei der jungen Frau zu Stress und Unruhe. Sie leidet unter Konzentrationsschwierigkeiten und Panikattacken. «Stell dir vor, du kommst jeden Abend nach Hause, legst den Schalter um, und spielst die perfekte Tochter.» Eine Tochter, die Zeinab nicht mehr sein will und kann.

Frau, die weint, von nah fotografiert.
Zeinab muss Risiken eingehen. (Foto: Unsplash)

Ein Leben ohne ihre Familie kann sie sich nicht vorstellen. Sie bereitet sich mental aber darauf vor, dass sie zu Beginn ihres Coming Outs ohne Familie auskommen muss. Nicht zuletzt, weil Homosexualität in den Augen der Familie eine schwere Sünde ist, sondern auch weil ihre Eltern und Geschwister in Bezug auf Homosexualität nicht aufgeklärt sind.

Ob sie sich diskriminiert fühlt? «Obwohl ich nie mit meiner Familie über Homosexualität gesprochen habe, kenn ich ihre Meinung. Ich sehe ja, wie sie über andere Schwule und Lesben herziehen. Von daher fühle ich mich eindeutig diskriminiert. Auch deswegen, weil ich Angst haben muss, mich zu outen. Ich fühle mich wie auf der Flucht.»

Zeinab kommt sich wie in einem Käfig vor: Ihr Kopftuch darf sie nicht ausziehen und über Frauen sprechen, die es ihr angetan haben, sowieso nicht. Die absolute Freiheit stellt sie sich in den ersten Monaten kräftezehrend vor. Damit gemeint ist das Ablegen des Kopftuchs und das Ausleben ihrer Sexualität. «Dieser Kampf wird sich auszahlen. Mein Herz wird sich anfühlen wie ein neugeborener Vogel, der seine Flügel ausweitet und sich auf den Weg macht, die Welt zu entdecken.»

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