Mit Vollgas ins Burnout

  • 19. Oktober 2020
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Ausgebrannte Frau wird in der Illustration von verschiedenen Richtungen gestresst.
Mit dem Kopf überall, nur nicht bei mir selbst. (Illustration: Lorena Wahrenberger)

Wie aus dem Höhenflug eine Talfahrt wurde: Redaktorin Lorena Wahrenberger blickt auf das erfolgreichste und gleichzeitig schwierigste Jahr ihres Lebens zurück.

Am liebsten unzensiert, persönlich und so deep wie möglich. Ich will von meinen Interviewpartnern immer alles wissen: Als People-Journalistin und Produzentin entlocke ich meinen Interviewpartnern oder Protagonisten ständig die tiefgründigsten und intimsten Geheimnisse. Und jetzt soll ich selbst ganz Persönliches preisgeben? Ich muss gestehen, das fällt mir alles andere als leicht.

Ein nüchterner Rückblick auf das vergangene Jahr löst sehr gespaltene Gefühle bei mir aus. Einerseits erinnere ich mich an die düsterste Zeit, die ich je durchgestanden habe,  gleichzeitig kommen sehr schöne Gedanken an die bisher erfolgreichste Periode meines Lebens hoch. Aber wie so oft im Leben hat alles zwei Seiten.

«Wer nimmt das ernst, wer glaubt mir?»

Nach dem Erfolg kam das Burnout. Bisher habe ich das aus Scham weder laut ausgesprochen noch öffentlich niedergeschrieben. War es denn wirklich ein Burnout? Eine klare medizinische Diagnose gibt es dazu nicht. Und wer nimmt das ernst, wer glaubt mir? Immerhin hat mich ein Burnout erwischt, ohne dass ich in einer Management-Position nach jahrzehntelanger Arbeit gewesen wäre. Eine Studentin im Alter von 22 Jahren und schon ein Burnout? Und doch kann ich mit dem gewonnenen Abstand mein ausgebranntes «Ich» sehr deutlich sehen und erkenne rückblickend, was da passiert war.

Rastlos und unverwundbar

Nach vier Jahren intensiver Beziehung stand ich auf einmal mitten im Erwachsenenleben,  ohne genau zu wissen, wer ich denn alleine, ganz ohne Partner, bin. Aber statt die Trennung zu verarbeiten und zu mir selbst zu finden, ratterte ich auf einer wilden Achterbahn durch einen Rom- und gleich danach durch einen London-Aufenthalt mit langen Partynächten. Zurück in der Schweiz ging die Reise ohne Halt weiter in eine Churer WG. Das Studium startete. Kaum im 1. Semester angekommen, entstand während einer durchzechten Nacht und mittelschwer alkoholisiert, die glorreiche Idee für ein Reality-Format auf Mallorca. Ausser meinem Mitbewohner haben sich alle Teilnehmer der nächtlichen Brainstorming-Truppe im nüchternen Zustand schnell wieder von der Idee abgewandt. Eigentlich klug, aber sicher nichts für mich. Ein Mensch, der gerne in grossen Träumen denkt.

«Ich war bereit, 150 Prozent und mehr zu investieren»

Einmal gestartet war das Projekt vor lauter Leidenschaft, Energie und Begeisterung unserer Partner nicht mehr zu stoppen. Schon bald zeigten sich viele Stolpersteine, die wir jedoch mit links aus dem Weg räumten. Neben Sitzungen mit Chefredaktionen, Dutzenden von Castings und Location-Scouting für das Reality-Format, beschäftigte mich noch mein Sommerjob als Freelancerin auf einer Redaktion. Der Anspruch von aussen und an mich selbst war stets hochprofessionell, 24/7 erreichbar und perfekt durchorganisiert zu sein. Ich fühlte mich der Aufgabe als Projekt- und Produktionsleiterin gewachsen. Ich war bereit, 150 Prozent und mehr zu investieren, und fühlte mich dabei unverwundbar. 

Zwei junge Menschen stehen auf der Illustration vor einer grossen Idee in Form einer Glühbirne.
Von der grossen Idee liessen wir uns nicht abschrecken. (Illustration: Lorena Wahrenberger)  

Bis ich vom Stuhl falle 

Was ich im ganzen Projekt nicht einberechnet habe: Mein Privatleben, das ganz nebenbei stattfand, aber nicht mehr wahrgenommen wurde. Bis ich kurz nach einer Mittagspause auf der Redaktion die Newsplattform «20 Minuten» öffnete und wortwörtlich vom Stuhl fiel. Vor diesem Zeitpunkt kannte mein rastloses Leben das Thema Tod nur vom Hörensagen. Nun holte mich die Realität schmerzlich und in einer Art und Weise ein, die mir den Boden unter den Füssen wegzog. Vom Tod eines nahen Menschen via Newskanal und so beiläufig während der Recherche zu erfahren, war ein unheimlich schmerzliches Erlebnis.

Mein Problem war einmal mehr: Ich hatte keine Zeit, diese Nachricht zu verarbeiten und damit umzugehen. Die Umstände liessen schlicht keinen Halt so kurz vor der grössten Probe meiner bisherigen Karriere zu. Jetzt nur kein Zusammenbruch kurz vor Showtime. Statt mich auf meiner Erfolgswelle zu tragen, wirft mir das Leben weitere, unvorhersehbare Schicksalsschläge vor die Füsse. Zu allem Unglück kam genau in dieser Zeit das abrupte Ende einer langjährigen und engen Freundschaft hinzu. Mein Backup-System kannte nur eine Reaktion: Error.

Tiefenschärfe in der Stress-Bubble

Und doch funktionierte ich. Besser, als ich es je von mir erwartet hätte. Aus den Vorbereitungen wurde Realität, als wir mit 20 Leuten nach Mallorca flogen, um die Show rund um acht Kandidaten in den Kasten zu kriegen. Vor Ort gab es erst recht keinen Platz für Ablenkung während den 18-stündigen Arbeitstagen. Eine Woche lang war mein Fokus schärfer eingestellt als jede Kamera am Set. Die einzige Privatsphäre, die ich mir in dieser Zeit erlauben konnte? Jeweils drei Minuten im stillen Örtchen. 

Unerwartete Talfahrt

Nach erfolgreicher, drei Monate langer Prokrastination meiner Gefühle zugunsten unseres Projekts wurde die verrückte Achterbahnfahrt zur fatalen Talfahrt der Gefühle. Statt mich auf dem Erfolg des Projekt-Abschlusses auszuruhen, ratterte ich mit Vollgas in eine Abwärts-Spirale. Zurücklehnen konnte ich mich aber noch nicht. Das ausserstudentische Projekt sorgte für zwei vorlesungsfreie Monate, die nachgeholt werden mussten. Die Leidenschaft für diese Art von Beschäftigung reichte nicht mehr aus, mich weiterhin davon abzuhalten, Erlebtes zu verarbeiten.

«Eines Tages erwischte ich mich beim minutenlangen Versuch, mich daran zu erinnern, ob ich die vergangenen Tage bei meinen Eltern oder in der WG verbracht habe.»

Ich erinnere mich an Tunnelblicke, zitternde Hände, nervöse Gedankengänge selbst in ruhigen Minuten. An Entscheidungsschwierigkeiten und Hilflosigkeit, sobald ich funktionieren sollte. An nächtelange Versuche, mit der Arbeit fürs Studium voranzukommen und mich dabei im Kreis zu drehen. An Gruppenarbeiten, bei denen ich mich zurückzog und mich nicht dafür erklären konnte. Die Konzentrationsschwäche bereitete mir, neben den Problemen mit meinem Kurzzeitgedächtnis, die grössten Sorgen. Eines Tages erwischte ich mich beim minutenlangen Versuch, mich daran zu erinnern, ob ich die vergangenen Tage bei meinen Eltern oder in der WG in Chur verbracht habe. 

Neben meinem psychischen Zustand und den Stress-Träumen verschlechterte sich mein Immunsystem. Meine Asthma-Anfälle wurden schlimmer und die lästigen Fieberblasen kriegte ich kaum mehr weg. 

Heulkrampf im Restaurant

Ich erinnere mich an ein Nachtessen mit meinen Eltern um die Weihnachtszeit, an dem ich meine Tränen in der Öffentlichkeit nicht mehr zurückhalten konnte. Keine Seltenheit zu dieser Zeit. Mein Zusammenbruch nach dem Projekt bereitete mir neben dem ausgebliebenen Stress-Release Sorgen, weil ich eine berufliche Karriere anstrebe. Die Frage, ob meine psychische und physische Konstitution meinen Ansprüchen genügt, jagte mich intensiv.

Die Reaktion meines Vaters sitzt bis heute tief in meinem Hinterkopf. Er meinte, dass mir der gesunde Abstand und die Zeit für Reflexion fehlt. Dass ich seit meiner Kindheit mein eigenes Wohl hinter alles andere setze. Die Momente für mich und mein Gleichgewicht kommen zu kurz. Und er hatte Recht. 

«So sollte es nicht sein»

Oft fehlten mir die klaren Gedanken zu dieser Zeit – ich flog wie in einer Blase durch die Tage und Wochen. Und doch ahnte ich in den wenigen, klareren Momenten: So sollte es nicht sein.

Ich entschied mich, mir psychologische Hilfe zu holen. Einerseits, weil ich mein lebensfrohes und energiegeladenes Selbst so sehr vermisste. Andererseits, weil ich genauso fest wusste, dass ich an mir Selbst noch viel aufzuarbeiten hatte. 

Illustration zeigt die instabile psychische Lage einer Frau visualisiert durch eine Achterbahn in ihrem Kopf.
Auf einmal wurde alles zu viel. Klare Gedanken fehlten in ruhigen Minuten. (Illustration: Lorena Wahrenberger)

Neue Perspektiven

Rückblickend und aus neu gewonnener Perspektive kann ich sagen, dass meine Art, mit Druck und Trauma umzugehen, falsch war. Der Verzicht auf Pausen in Kombination mit monatelangem Stress und der fehlende Abstand zur Arbeit hatten einen ungesunden Einfluss auf meine Psyche. Mein Smartphone, von dem ich mich kaum länger als fünf Minuten trennen konnte, war zu einem Arbeitswerkzeug geworden. Das Projekt zu meinem Kind, das ich auch bei Nacht pflegte.

Hustle-Liebe

Ein Faktor, den die Medien- und Produktions-Branche mit sich bringt und dessen man sich immer bewusst sein sollte: Die kreative Arbeit kennt keinen Feierabend. Man könnte fast sagen, es ist eine Hassliebe. Oder Hustle-Liebe. 

Heute bereue ich die Entscheidung nicht, mich auf die irre Idee einer Webserie eingelassen zu haben. Die Erfahrung, die unvergleichbaren Erinnerungen und das Ergebnis würde ich für nichts auf der Welt hergeben. Und doch würde ich vieles davon anders angehen. Mit gesunder Distanz und bewusster Work-Life-Balance. 

Alles mit seiner Erholzeit 

Die psychologische Begleitung und die Arbeit an mir selbst dauerten. Ich wünschte, mein Zustand wäre mit einem Knopfdruck wieder in Form gewesen. So war und ist das leider nicht. Was ich brauchte, war Erholzeit. Die Frage nach einer Auszeit vom Studium kurz vor den Semesterprüfungen und parallel dazu dem Peak meines Leidens, beschäftigte mich lange. Ist ein Jahr Pause zu viel? So schlimm geht es mir nun doch wieder nicht? Was passiert mit meiner geliebten WG? Und so wünschte ich mir eigentlich einen Pause-Knopf, ohne etwas zu verpassen. 

Zwangspause: Lockdown

Genauso schleichend wie mein Genesungsprozess, näherte sich Covid-19 der Schweiz. Die Pandemie führte zu einem Lockdown, der das System lahmlegte. Der Verlust der Strukturen und die plötzlichen Einschränkungen stellten viele Menschen auf die Probe. Neben den tragischen gesundheitlichen Risiken auch psychisch.

Für mich persönlich war das Herunterfahren des Systems eine unverhoffte Chance. Eine Möglichkeit auf einen Neustart. Den Stress aufs Minimum zu reduzieren, die Zeit zu Hause für mich zu nutzen. Keine Rechtfertigung im Umfeld, keine Herausforderung, Nein zu sagen und dabei etwas zu verpassen. Keine Erwartungen, ausser die eigenen erfüllen zu müssen. 

Nicht, dass die Pandemie ganz schmerzfrei an mir vorbeizog. Auch ich vermisste dicke Umarmungen von Freunden, Wein-Abende und Abwechslung. Aus Rücksicht auf  Risikopersonen in der Familie verzichtete ich monatelang auf Besuche. Daneben fiel mir die kreative Arbeit in meinen vier Wänden schwer, weil ich auf Inspiration im Alltag verzichten musste. So egoistisch es klingen mag: Trotz allem war ich froh darüber, dass der Bundesrat den Pause-Knopf betätigte, den ich mir so sehnlichst wünschte.

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